20 Jahre Darmstadt

 
 

Another brick..., und die Wand beginnt zu leben


Ein Rückblick auf zwanzig Jahre Sigrid Siegele in Darmstadt


                        1967. Mit einem zeittypischen „exploitation movie“, betitelt

                        „The Trip“, versuchen keine Geringeren als Jack Nicholson

                        (Drehbuch), Roger Corman (Regie) und Peter Fonda (Hauptrolle)

                        die kalifornische Hippie- und Drogenszene als Thema zu melken.

                        Fonda spielt einen frustrierten Werbefilmer, der auf Sinnsuche

                        LSD ausprobiert. Psychedelische Kamera- und Handlungsgags ver-
                        anschaulichen seine Halluzinationen, bei denen die Grenze von

                        Außen- und Innenwelt niedergerissen wird. In der wohl bekann-
                        testen Szene des Films geht ihm voll Staunen die Doppelbedeu-
                        tung – unübersetzbar ins Deutsche – des Begriffs „the living
                        room“ auf, je nachdem, auf welches der beiden Worte man den
                        Akzent setzt.


                        2005. Der Living Rooms genannte Verein zur Förderung städti-

                        scher Wohnungen in Graz lobt in Kooperation mit dem Österrei-

                        chischen Ziegelverband den Wettbewerb „Another Brick“ aus. Es
                        geht darin um neue Wahrnehmungsweisen eines alten Materials.
                        Gegen eine Überzahl von architektonisch-objekthaften Entwürfen
                        setzt sich, als Projekt 18 von insgesamt 23, „Ziegel-Couture“
                        durch: das Ziegel-Kleid überzeugt die Jury „als Symbol für den
                        Menschen an sich“, unabhängig von der realen Tragbarkeit des
                        Stücks. Abgeschlagen dagegen rangiert ein Projekt, das unterm
                        Motto „zügellos ziegeln“ unter anderem eine Plateausandale auf
                        Ziegelsteinbasis und eine aus Dachziegeln gefertigte Handtasche
                        vorzuschlagen weiß.


Einer Skulptur von Sigrid Siegele zu begegnen, ist ein eminent körperliches Erlebnis. Was nicht an einer den Betrachter erdrückenden Monumentalität liegt, nicht an einer unwidersteh-lich anwogenden Überwältigungsstrategie. Noch auch hat es primär mit der Tatsache zu tun, daß die Bildhauerin sich immer wieder mit dem Thema Stele beschäftigt hat, das dem Menschen ein physisch präsentes Gegenüber aufrichtet. Das Erlebnis entzündet sich vielmehr am körperlichen Einsatz, der, deutlich ablesbar am Endergebnis, eingeflossen ist in den Prozeß seiner Entstehung. Jedes einzelne Stück spiegelt die Tätigkeiten des Walmens, Knetens, Quetschens, Schneidens, Klopfens, Kerbens, durch die aus der Industrienorm des rektagonalen Rohziegels das individuell geformte Element eines größeren plastischen Ganzen geworden ist. Und Teil sowohl wie Ganzes sind selber leibhaft, atmen, pochen gleichsam, scheinen begriffen in vielfältiger Bewegung: Anspannen, Schwellen, Zusammenziehen, Dehnen, Stemmen, Wölben, Krümmen, Spreizen, Stauchen, vom Vibrie-ren übers Torkeln zum Tanzen, sodann Aufragen und Einknicken, Vorwärtsdrängen und Zurückweichen, Sich-Öffnen und Sich-Verschließen, auch mal Atem-Anhalten, Muskeln-spielen-Lassen, Sich-in-Pose-Werfen.

Der Extremfall ist das In-Fluß-Geraten. Könnte man doch sagen, dank Sigrid Siegele durchläuft der Ton eine Reise vom Chaos zur Ordnung und halbwegs wieder zurück. Das Chaos – das wäre der amorphe, doch willig bildsame Klumpen verwittertes Silikatgestein, den man der Tongrube entnimmt. Die Ordnung – der Ziegelquader, wohl wichtigstes Massenprodukt der Baukeramik, schon mal als „ältestes Fertigteil der Welt“ gerühmt, erstmals gebrannt vermutlich gegen 3000 v.Chr. im Zweistromland und schon damals aus praktischen Gründen mit fixen Abmessungen versehen (die Ziegelnormierung, die noch im heutigen Europa von Land zu Land abweicht, beträgt in Deutschland 240 x 115 x 71 mm). Das Chaos, wenn auch nur approximativ – die Bildhauerin bearbeitet die rational-geometrische Form des weichen Ziegelrohlings so lange, bis daraus ein Neues geworden ist, dem noch die Erinnerung an seine industrielle Zwischenexistenz innewohnt, obwohl seine Gestaltanmutung insgesamt zum Organischen hindrängt. Ein Stilmittel dabei ist die Paarigkeit und leicht gebrochene Symmetrie zweier Hälften, wie sie uns aus der Anatomie von Tier und Mensch vertraut ist. So, laut Siegele selbst, entstehen „Objekte, die kubisch kantig ansetzen und allmählich weich und glatt werden“. In Fluß geraten: ja, doch kein Schritt darüber hinaus. Gänzlich zerfließen: nein. Jene Metamorphose verläuft in aller Regel in Aufwärtsrichtung, was formal Spannung garantiert, aber auch evolutionäre, psychologische, womöglich spirituelle Deutungsansätze bereithält.

Die Charakteristik trifft zu bereits auf die Arbeit, mit welcher Sigrid Siegele nach einem Kunststudium, mit den Schwerpunkten Baukeramik und freie Plastik, 1986 ihr Examen an der Gesamthochschule Kassel ablegte: eine aufwendig ambitionierte Gruppe von achtzehn Formen, analog, doch nicht identisch im Zuschnitt, so daß ihre endgültige Anordnung hinausläuft auf zwei sich gegenüberstehende Neuner-Progressionen jeweils mit der kleinsten Form vorne, der größten hinten. Bei aller Abstraktion läßt das Ergebnis an ägyptische Sphinx-Alleen denken. (Nicht aus dem Blauen heraus – als ganz junge Frau war die Bildhauerin allein ins Nilland gereist, „und ich habe dort alles gesehen, was ich sehen wollte“.) Verwandt mit dem Formtypus, doch für sich ausladender noch ist die ein Jahr jüngere Arbeit „Großes Dreieck“, die Siegele anläßlich der 9.Freiplastik-Ausstellung auf der Ziegelhütte den Nachwuchspreis der Darmstädter Sezession einbrachte. Die Jury urteilte damals: „Ihr gestalterisches Bemühen entspricht den neuesten Versuchen von Bildhauern, die zerbrochene Verbindung von Architektur und Bildhauerkunst zu überbrücken und damit neue Gestaltungswege zu eröffnen.“

Daran gibt es kein Wort zu streichen, obwohl die seither entstandenen Werkserien, in ihrer eigenen Veränderung, auch Sigrid Siegele verändert haben. Im nachhinein scheint es, als wäre in ihrer Anfangszeit die Minimal Art der 60er und 70er Jahre noch nachgeschwungen. Eine Auffassung von Plastik als streng durchstrukturierter Anzahl wiederholter, gleichwertiger Einheiten, dazu angetan, das Raum- und Körpergefühl des Publikums zu beeinflussen, weil besagte Einheiten sich körperlich in denselben Raum mit ihm teilen – ohne distanzierende Sockel. Die amerikanischen Minimalisten schworen auf standardisierte Materialien aus der industriellen Fertigung. Doch wirkt der Ziegelstein neben der Konkurrenz von Edelstahl und Plastik nicht hoffnungslos archaisch, bäurisch? Tatsächlich bedurfte es zu seiner Entdeckung für die Bildhauerei eines Umdenkens, eines Umdenkens mit europäischen Akzenten wohlgemerkt. Mit Ziegeln zu arbeiten, ist wie Minimal Art, die von der Arte Povera wieder auf ein bescheidenes Maß heruntergestutzt worden ist. Eine gewisse Proportionsgesetzlichkeit indes überlebt und schiebt gestalterischer Willkür einen Riegel vor.

An der „zerbrochenen Verbindung von Architektur und Bildhauerkunst“ werkeln mittels Ziegelsteinen, neben Sigrid Siegele, europaweit zwischen den Niederlanden und dem Baltikum Kollegen wie Franz Stähler, Reiner Seliger, Ineta Greiza, Manfred Cuny, Marcel Wanders, Manfred Spurey, Gisela Lücke. Es handelt sich da, geschlechtlich gesehen, weitgehend eine um Männerdomäne, geographisch stark nordlastig. Passend ist es der Däne Per Kirkeby, der mit Backstein-Skulpturen unter anderem 1987 bei den Skulptur-Projekten Münster und 1997 auf der Documenta in Kassel Furore gemacht hat. Wobei seine Arbeiten, teils sogar als Gehäuse betret- und durchschreitbar, unstreitbar zum Pol Architektur gravitieren. Kirkeby tastet die Rektagonalität des Ziegelsteins nicht an. Siegele ist den entgegengesetzten Weg gegangen, der sie entschieden näher an den Pol der Skulptur geführt hat. Geradezu expressive Verformungen ihres Werkstoffs wagt sie seit den 90er Jahren, als sich aus dem blockhaften Kontext Torsi, Arme, sogar Köpfe herauszuschälen begannen und das Verhältnis der diversen Teile einer Arbeit untereinander zur Allegorie für emotionale und gesellschaftliche Verhältnisse werden konnte. Eine Rehumanisierung des Ziegelsteins, zumindest seine kreative Befreiung! Nicht nur „another brick in the wall“. Folgerichtig taucht jetzt öfters der Titel „Figur“ bzw. „Figuration“ auf. Mit am raffiniertesten in der „Doppelfigur“ von 1992, die eigentlich eine dritte einschließt: die gleichwertige Aussparung zwischen den kräftigen Balken der U-Form, an denen eine zackige Knautschzone, ein Nachzittern quasi sich abzeichnet, als wäre jemand mit enormer Wucht mittendurch geschritten.

Sigrid Siegele hat wiederholt Gebilde (je nach Projekt-Notwendigkeit auch im hochgebrannten Klinkerstein) aufgebaut mit Durchbrüchen, hat das Negativ- ins Positivvolumen eingeladen. Durchschreitbar für den Betrachter war das bisher kaum – sieht man ab von den Installationen aus seriellen Elementen, denen sie sich seit der Jahrtausendwende verstärkt widmet. Allerdings bedarf es der Tor- oder Gehäusefunktion nicht, um die Siegele’schen Schöpfungen räumlich zu erfahren. Mit aller Skulptur haben sie gemeinsam, daß sie ihren eigenen Raum gegenüber dem unseren behaupten. Aber mit einer Vitalität, ja Beseeltheit, die resultiert aus den eingangs aufgezählten Bewegungsweisen. Der Turm, der sich sanft tastend, fast per irregulärer Drehung in die Vertikale kämpft; das wie in Expansion und Kontraktion begriffene Fenster- oder Türloch; die Mauer, die mittels ständig zwischen Konvex und Konkav changierenden Stufen, Vorkragungen, Faltungen, Überlappungen, Materialblessuren und –abtragungen bekennt, auf „Kontaktsuche“ zu sein... All das ist von einem Leben erfüllt, das abstrahlt auf die Umgebung, arglos daherkommende Betrachter inklusive, und Energien überspringen läßt. The living space. The living room. Wer nicht glauben mag, daß Architektonisches sehr wohl als Lebewesen empfunden werden kann, besinne sich einmal auf seine Träume. Oder er lese nach in Mythen, Märchen, Schauerliteratur. Die Schaffenspalette dieser Bildhauerin ist weit genug, dass man der in Ziegel-Verwandlungen manifest gewordenen Lebenskraft nachspüren kann in reliefhaft reichen Oberflächen, die mit den Fingern abzutasten, ebenso wie in Volumen, die mit den Armen zu umschließen sind. In kompakten, tonnenschwer anmutenden Figurationen ebenso wie in Konstellationen kleinerer Flügel, Flossen, Blätter, Segel, deren schwebendes Miteinander auf Stäben, an Draht die Herkunft vom Rohstoff Erde vergessen läßt.


© Dr.Roland Held, Darmstadt 2008

Another brick..., und die Wand beginnt zu leben…